Career ANY/A
Fachdiskussion · Stand 20. Oktober 2026 · English version

Career ANY/A

Was die Bestenliste wirklich verrät
8,00
Brock Purdy · Rang 1 der ewigen ANY/A-Bestenliste · 1.610 Dropbacks
1Brock Purdy8,00
2Patrick Mahomes7,39
3Lamar Jackson7,32
4Peyton Manning7,17
5Aaron Rodgers7,14
Pregame

Was ANY/A eigentlich misst

Brock Purdy führt die ewige Bestenliste bei den Adjusted Net Yards per Pass Attempt mit 8,00 an – und zwar mit einem Vorsprung von 0,61 auf Patrick Mahomes, der damit fast so groß ist wie der gesamte Abstand zwischen Mahomes auf Platz 2 und Russell Wilson auf Platz 16 (0,64). Anfang Oktober stand Purdy sogar noch bei 8,04, ehe ihn zwei Spiele auf seinem Normalniveau von rund 7,0 wieder etwas nach unten zogen. Wer aus diesem Befund allerdings vorschnell ableitet, dass der letzte Pick des Drafts 2022 der effizienteste Quarterback der NFL-Geschichte sei, sollte sich zunächst anschauen, was diese Zahl überhaupt abbildet und – mindestens genauso wichtig – was sie bewusst ausklammert.

Bemerkenswert ist zudem, dass Purdy inzwischen auch die ewige Bestenliste beim klassischen Passer Rating anführt: Mit 105,6 liegt er dort vor Lamar Jackson (102,7), Aaron Rodgers (101,8), Joe Burrow (101,3) und Patrick Mahomes (100,8). Als zusätzlicher Beleg taugt das allerdings nur bedingt, denn beide Kennzahlen speisen sich aus denselben Boxscore-Zutaten – Completions, Yards, Touchdowns und Interceptions –, wobei das Passer Rating die Sacks sogar komplett ignoriert. Wer in der einen Formel vorn liegt, liegt deshalb fast zwangsläufig auch in der anderen weit oben.

Die Formel, die Pro Football Reference für die Tabelle verwendet, lautet:

ANY/A = Pass Yds − Sack Yds + 20 × Pass TD − 45 × INTPass Att + Sacks

Im Kern baut ANY/A also auf den simplen Yards per Attempt auf, korrigiert diese aber an drei Stellen, die für die Bewertung eines Quarterbacks entscheidend sind:

  1. Sacks werden wie ein Passversuch behandelt, der mit negativem Raumgewinn endet – die verlorenen Yards werden abgezogen, der Sack selbst landet im Nenner. Ein Quarterback, der den Ball zu lange hält, wird dadurch spürbar bestraft, einer mit schnellem Release entsprechend belohnt.
  2. Touchdowns bringen einen Bonus von 20 Yards, weil ein Pass, der in der Endzone endet, mehr wert ist als die reinen Yards, die er überbrückt – ein 5-Yard-Touchdown ist schließlich wertvoller als ein 5-Yard-Pass an der eigenen 30.
  3. Interceptions kosten pauschal 45 Yards, was ungefähr den Wert eines Ballverlusts inklusive des Feldpositionswechsels abbilden soll. Eine einzige Interception wiegt damit mehr als zwei Touchdown-Boni auf.
ANY/A selbst nachrechnen
Vorbelegt mit Purdys Karrierewerten nach Week 7 2026 (sechs Spiele) – ändere einzelne Zahlen und sieh, wie stark jede Komponente wirkt.
8,00

Die Grundidee dieser Gewichtung geht auf das Buch The Hidden Game of Football von Bob Carroll, Pete Palmer und John Thorn aus dem Jahr 1988 zurück, die Variante mit Sacks hat sich vor allem in der Analytics-Community um Chase Stuart (Football Perspective) und Pro Football Reference etabliert. Der Grund für ihre Beliebtheit ist schnell erklärt: Unter den Metriken, die sich allein aus dem Boxscore berechnen lassen, korreliert ANY/A deutlich stärker mit Punkten und Siegen als das klassische Passer Rating, Completion Percentage oder Passing Yards.

Zwei Detailregeln sind für das Verständnis der Tabelle außerdem wichtig. Zum einen verlangt Pro Football Reference für die Karriereliste mindestens 1.500 Passversuche – eine Marke, die Purdy erst in diesem Oktober überschritten hat: Nach sechs Spielen der Saison 2026 kommt er auf 1.524 Pässe und 86 Sacks, also 1.610 Dropbacks. Zum anderen liegen Sack-Daten erst ab den frühen 1960er Jahren vor, weshalb Otto Graham oder Sammy Baugh gar nicht vorkommen können, während Johnny Unitas (5,64) oder Bart Starr (5,41) zwar gelistet sind, aber weit hinten. Insgesamt misst die Kennzahl damit vor allem eines: wie viel Wert ein Quarterback pro Dropback im Passspiel erzeugt – nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

First Quarter

Die Tabelle im Überblick – und das Problem mit den Epochen

Wer die Top 25 nur oberflächlich überfliegt, dem dürfte zuerst auffallen, dass die Liste fest in der Hand der Gegenwart ist: Zwölf der 25 Namen sind aktive Spieler, während aus der Zeit vor der Jahrtausendwende mit Steve Young, Joe Montana und Dan Marino nur drei Quarterbacks den Sprung unter die besten 25 schaffen – und Kurt Warner, dessen Karriere 1998 begann, eher als Bindeglied zwischen den Epochen gelten muss. Spätestens hier stellt sich die Frage, ob die heutigen Quarterbacks wirklich so viel besser sind, oder ob die Liga einfach eine andere geworden ist.

Die Antwort liefert ein Blick auf den Ligaschnitt, der sich in den letzten Jahrzehnten massiv verschoben hat: Lag das durchschnittliche ANY/A 1985 noch bei 4,9, steht es in der laufenden Saison 2026 bei 6,1 – eine Inflation von rund eineinviertel Yards pro Dropback. Dafür sind im Wesentlichen drei Entwicklungen verantwortlich:

  1. Interceptions sind seltener geworden. Die Interception-Rate der Liga hat sich von 4,2 % (1985) auf 2,1 % mehr als halbiert, und da jede Interception in der Formel 45 Yards kostet, schlägt kaum ein Faktor stärker auf ANY/A durch.
  2. Sacks sind seltener geworden. Die Sack-Rate sank im gleichen Zeitraum von 8,3 % auf 6,4 %, was mit schnelleren Release-Zeiten, kürzeren Drops und dem Siegeszug des Quick Game zusammenhängt.
  3. Die Regeln schützen das Passspiel. Von der strengeren Auslegung von Illegal Contact ab 2004 bis zu den Schutzregeln für Defenseless Receiver und Quarterbacks im Pocket wurde das Passspiel über Jahre systematisch attraktiver gemacht.

Doch was passiert, wenn man diesen Epocheneffekt herausrechnet? Vergleicht man jeden Quarterback mit dem Ligaschnitt seiner eigenen Saisons, verschiebt sich das Bild spürbar – Peyton Manning, Steve Young und Joe Montana rücken deutlich nach oben, Lamar Jackson und Aaron Rodgers etwas nach unten. An der Spitze ändert sich allerdings nichts.

Auch gegen den Ligaschnitt seiner Ära liegt Purdy klar vorn
Karriere-ANY/A (Punkt) gegenüber dem Liga-ANY/A seiner Saisons, gewichtet nach Dropbacks (grau). 28 Quarterbacks.
Pro Football Reference (Karriere-ANY/A laut Excel-Export, Saison-Passversuche und -Sacks, Liga-Gesamtwerte), Stand 20. Oktober 2026 · eigene Berechnung. Bei Marino, Favre, Roethlisberger und Tagovailoa Sacks mit 7 % genähert, bei Garoppolo Offensive Snaps als Gewicht.

Dass Purdy auch nach dieser Ära-Bereinigung mit genau zwei Yards über dem Ligaschnitt führt, ist bemerkenswert, denn damit fällt das naheliegendste Gegenargument – die moderne Passing-Inflation – als Erklärung weg. Gleichzeitig zeigt die Grafik, warum Steve Young unter Analytics-Leuten seit Jahren als einer der effizientesten Passer der Geschichte gilt, obwohl er in der Rohtabelle nur auf Platz 14 steht.

Auffällig ist außerdem, wer fehlt oder überraschend weit hinten landet: Brett Favre kommt mit 5,93 nur auf Platz 46, John Elway mit 5,60 auf Platz 80 – beide durch hohe Interception-Zahlen beziehungsweise viele Sacks belastet. Umgekehrt stehen Tony Romo (Platz 9) und Jimmy Garoppolo (Platz 10) vor Joe Montana, während Tua Tagovailoa mit ihm gleichauf liegt (beide 6,60), was bereits andeutet, dass ANY/A eine sehr spezifische Form von Qualität belohnt. Zudem ist die Tabelle ein bewegliches Ziel: Allein in den zwei Wochen seit dem 5. Oktober fiel Purdy von 8,04 auf 8,00, Jordan Love zog mit 7,05 an Tony Romo vorbei auf Platz 8, und C.J. Stroud kletterte mit 6,57 neu in die Top 25. Insgesamt zeigt sich also, dass die Rohtabelle vor allem eine Momentaufnahme der aktuellen Passing-Ära ist – und dass man Quarterbacks verschiedener Generationen nur mit Blick auf ihr jeweiliges Umfeld sinnvoll vergleichen kann.

Zweiter Blick: Wie man die Ära sauber herausrechnet

Wie belastbar ist dieser Ära-Vergleich eigentlich, und hält Purdys Vorsprung auch dann, wenn man methodisch genauer hinschaut? Um das zu prüfen, wurde der Ligaschnitt für 28 Quarterbacks – die Top 26 der Tabelle vom Anfang Oktober plus Brett Favre und John Elway – nicht als einfacher Durchschnitt der Karrierejahre berechnet, sondern nach den tatsächlichen Dropbacks jeder Saison gewichtet, wobei das Liga-ANY/A direkt aus den Gesamtwerten der Liga abgeleitet wurde. Ein Backup-Jahr mit 20 Pässen zählt damit nicht mehr genauso viel wie eine volle Saison als Starter, was vor allem Quarterbacks mit langen Lehrjahren wie Aaron Rodgers, Steve Young oder Kirk Cousins betrifft.

Das Ergebnis ist bemerkenswert stabil: Purdy bleibt mit +2,00 Yards vorn, dahinter folgen Steve Young (+1,68), Peyton Manning (+1,61), Joe Montana (+1,55) und Dan Marino (+1,42), während Patrick Mahomes mit +1,29 erst auf Platz 6 landet, gleichauf mit Kurt Warner. Die große Verschiebung betrifft also weniger die Spitze als den Rest der Liste, denn die Quarterbacks der 80er und 90er Jahre rücken geschlossen nach oben, während viele aktuelle Namen wie Josh Allen (+0,62), Joe Burrow (+0,65) oder Deshaun Watson (+0,32) deutlich abrutschen.

Allerdings hängt das Ergebnis davon ab, wie man den Abstand zum Ligaschnitt misst, und hier lohnt sich ein genauerer Blick auf drei mögliche Ansätze – die ersten beiden lassen sich in der Grafik oben umschalten:

  1. Differenz in Yards. Purdy führt mit 0,32 Yards Vorsprung auf Young.
  2. Verhältnis zum Ligaschnitt. Teilt man das Karriere-ANY/A durch den Ligaschnitt, schmilzt der Vorsprung fast komplett zusammen – Purdy liegt mit 1,334 nur noch knapp vor Young (1,326) und Montana (1,307). Ein Yard über dem Schnitt war in einer Liga, in der der Schnitt bei knapp 5 lag, schlicht ein größerer relativer Sprung als heute bei gut 6.
  3. Standardabweichungen. Pro Football Reference rechnet in seinem Index ANY/A+ mit der Streuung innerhalb einer Saison, also mit der Frage, wie weit ein Wert über dem Rest der Liga lag. Da die Unterschiede zwischen guten und schlechten Quarterbacks in früheren Jahrzehnten tendenziell größer waren, dürfte diese Methode ältere Spitzenwerte eher etwas relativieren – belastbar lässt sich das ohne die Saisonstreuungen aber nicht beziffern.

Doch selbst die beste Ära-Bereinigung beantwortet nur die Frage nach der Effizienz pro Dropback und blendet aus, wie lange ein Quarterback diese Effizienz aufrechterhalten hat. Multipliziert man den Vorsprung mit der Zahl der Dropbacks, erhält man eine Art Gesamtwert über die Karriere – und hier dreht sich das Bild komplett.

Beim Gesamtwert über die Karriere ist Purdy noch weit hinten
Yards über dem Ligaschnitt = Vorsprung pro Dropback × Karriere-Dropbacks (gerundet)
Eigene Berechnung aus Pro-Football-Reference-Daten, Stand 20. Oktober 2026. Garoppolo nicht enthalten, da für ihn nur Snap-Zahlen als Gewicht vorlagen.

Peyton Manning und Tom Brady haben ihren Teams jeweils rund 15.500 Yards über dem Ligaschnitt eingebracht, also knapp fünfmal so viel wie Purdy mit seinen gut 3.200 Yards. Bezeichnend ist auch der Fall Brett Favre, der pro Dropback nur bescheidene +0,59 Yards über dem Schnitt lag, durch seine fast 11.000 Dropbacks aber trotzdem mehr Gesamtwert erzeugt hat als Tony Romo oder Kurt Warner. Insgesamt zeigt die vertiefte Ära-Analyse also zweierlei: Purdys Effizienz hält jedem Epochenvergleich stand und bewegt sich klar auf dem Niveau von Young und Montana – sein Platz in der Geschichte entscheidet sich aber erst über die Dauer, und da steht er noch ganz am Anfang.

Second Quarter

Brock Purdy auf Platz 1 – Rekord oder Sample Size?

Dass ausgerechnet Mr. Irrelevant des Drafts 2022 die ewige Bestenliste anführt, ist für jeden Niners-Fan natürlich ein Fest – doch gerade deshalb lohnt es sich, die 8,00 genauer auseinanderzunehmen, statt sie einfach zu feiern. Wie belastbar ist dieser Wert also wirklich? Die Antwort darauf ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint, und lässt sich am besten entlang von drei Fragen beantworten.

Erstens: Wie groß ist die Stichprobe? Purdy kommt nach sechs Spielen der Saison 2026 auf 1.524 Passversuche und 86 Sacks, also 1.610 Dropbacks. Peyton Manning, Tom Brady oder Drew Brees haben für ihre Karrierewerte jeweils deutlich mehr als 10.000 Dropbacks gesammelt, inklusive aller schwachen Jahre, Verletzungsspielzeiten und Altersphasen. Purdys Zahl beschreibt dagegen ausschließlich die Jahre zwischen 23 und 27 – also genau die Phase, in der ein Quarterback idealerweise auf dem Weg zu seinem Peak ist und noch keine Decline-Jahre mitschleppt.

Zweitens: Wie gleichmäßig ist die Leistung verteilt? Hier wird es spannend, denn der Rekordwert ruht auf zwei Ausreißern: der Saison 2023 mit 9,01, in der Purdy die Liga in Yards per Attempt (9,6), ANY/A und Passer Rating (113,0) anführte und in der MVP-Wahl Vierter wurde, sowie dem laufenden Jahr 2026 mit bislang 9,21 aus nur 176 Dropbacks – sechs Siege in sechs Spielen, 14 Touchdowns, zwei Interceptions und lediglich fünf Sacks. Wie schnell sich ein so kleines Sample bewegt, zeigen die vergangenen zwei Wochen: Nach vier sacklosen Spielen stand Purdy noch bei 10,46, die beiden folgenden Partien lagen mit rund 7,0 aber genau auf dem Niveau seiner „normalen“ Jahre.

Zwei Ausreißer tragen den Rekord – die übrigen Saisons liegen bei 7,0 bis 7,6
Brock Purdy, ANY/A pro Regular Season; Strich = Liga-ANY/A der jeweiligen Saison, gestrichelt = Karrierewert
Pro Football Reference (Purdy-Saisonwerte, Liga-ANY/A) laut Excel-Export QB_Passing_QBR_2016-2026.xlsx, Stand 20. Oktober 2026; 2026 = sechs Spiele.

Rechnet man den starken Saisonstart 2026 heraus, läge Purdys Karrierewert bei 7,85; nimmt man zusätzlich 2023 weg, bliebe für 2022, 2024 und 2025 ein Wert von etwa 7,28. Das klingt zunächst nach einer Entzauberung, doch man sollte die Relation im Blick behalten: Selbst diese „normalen“ Purdy-Jahre lägen noch über Peyton Mannings Karriereschnitt von 7,17 und lagen in jeder einzelnen Saison mindestens einen Yard über dem Ligaschnitt. Purdy hat in seiner Karriere also noch keine unterdurchschnittliche Saison gespielt – er hatte schlicht zwei außergewöhnliche.

Drittens: Wohin dürfte sich die Zahl entwickeln? Spielt Purdy die nächsten 1.000 Dropbacks auf dem Niveau seiner Jahre 2024 und 2025 (rund 7,0), würde sein Karrierewert auf etwa 7,61 sinken – er läge dann immer noch klar vor Mahomes. Erst bei einem Rückfall auf 6,5 über 2.000 Dropbacks würde er mit rund 7,17 auf Peyton-Manning-Niveau landen. Mit den Reglern lassen sich eigene Szenarien durchspielen.

Szenario: Wie entwickelt sich Purdys Karrierewert?
Ausgangspunkt: 12.875 bereinigte Netto-Yards aus 1.610 Dropbacks
7,61

Platz 1 ist also kurzfristig wohl ziemlich stabil, auch wenn die 8 vor dem Komma mittelfristig eher unwahrscheinlich bleiben dürfte.

Bleibt die vielleicht wichtigste Frage, die in jeder Purdy-Diskussion früher oder später auf den Tisch kommt: Ist das alles nur das Produkt eines Systems, in dem Christian McCaffrey, George Kittle, Deebo Samuel – und seit diesem Jahr auch Mike Evans – nach dem Catch die eigentliche Arbeit erledigen? Ganz so einfach ist es nicht. Purdys Completions bringen im Karriereschnitt 7,0 Air Yards pro Catch, und 2024 lag sein YAC pro Completion mit 5,5 sogar unter den Werten von Jared Goff (6,8) oder Lamar Jackson (6,6). Ein reiner Dink-and-Dunk-Quarterback, dessen Zahlen allein von seinen Ballempfängern aufgebläht werden, sieht anders aus. Gleichzeitig wäre es naiv zu leugnen, dass Shanahans Scheme ihm durch Play-Action, Motion und konsequent geschaffene Leverage-Vorteile Passfenster öffnet, die anderswo erst erarbeitet werden müssen – und genau dieser Frage widmet sich das nächste Viertel.

Third Quarter

Der Shanahan- und McVay-Tree in der Bestenliste

Wer die Tabelle mit der Brille des Coaching Stammbaums liest, stößt auf ein Muster, das man kaum noch als Zufall abtun kann: Neben Purdy stehen mit Jordan Love (Platz 8), Jimmy Garoppolo (Platz 10), Jared Goff (Platz 11), Kirk Cousins (Platz 15) und Matt Ryan (Platz 23) fünf weitere Quarterbacks in den Top 25, die einen großen Teil ihrer Karriere in einer Offense aus dem Shanahan- beziehungsweise McVay-Umfeld verbracht haben.

QBRangANY/APrägende Stationen im Tree
Brock Purdy18,00Kyle Shanahan (49ers, seit 2022)
Jordan Love87,05Matt LaFleur (Packers), früher QB Coach unter Shanahan in Washington und Atlanta
Jimmy Garoppolo106,97Kyle Shanahan (49ers, 2017–2022)
Jared Goff116,95Sean McVay (Rams, 2017–2020)
Kirk Cousins156,79Shanahan und McVay (Washington), Kevin O’Connell (Vikings), Zac Robinson (Falcons)
Matt Ryan236,58Kyle Shanahan als Offensive Coordinator (Falcons, 2015–2016)

Doch was genau macht dieses System so ANY/A-freundlich? Die Antwort lässt sich im Kern auf drei Bausteine herunterbrechen, die direkt in die Bestandteile der Formel greifen:

  1. Play-Action als Fundament. Weil die Outside Zone die Linebacker bei jedem Snap zu einem schnellen Read zwingt, entstehen hinter ihnen genau die Passfenster, in denen Dig-, Over- und Crosser-Routen aufgehen. Bei Purdy macht Play-Action gut ein Fünftel aller Passversuche aus (311 von 1.436 bis Week 3 2026), und gerade diese Pässe erzeugen überdurchschnittlich viele Yards pro Versuch.
  2. Motion und Leverage vor dem Snap. Jet Motion, Shifts und Bunch-Formationen verraten die Coverage-Struktur frühzeitig und schaffen Leverage-Vorteile für die Receiver, wodurch der Quarterback den Ball schneller und mit weniger Risiko loswird – was wiederum Sacks und Interceptions drückt, also genau die beiden Größen, die in der Formel am härtesten bestraft werden.
  3. Raum nach dem Catch. Die Routen sind so designt, dass Receiver den Ball in Bewegung und mit Platz vor sich fangen, wodurch Yards after Catch nicht nur Zufall, sondern Teil des Plans sind.

Man dürfte also argumentieren, dass ANY/A eine Kennzahl ist, die strukturell genau das misst, wofür diese Offenses gebaut wurden. Den deutlichsten Beleg dafür liefert wohl Matt Ryan, der 2016 unter Shanahan als Offensive Coordinator mit einem ANY/A von rund 9,0 zum MVP gewählt wurde – einem Wert, an den er vorher und nachher nie wieder herankam. Auch bei Garoppolo und Cousins zeigt sich, dass ihre effizientesten Jahre klar an das System gekoppelt waren, während die Zahlen außerhalb davon spürbar abfielen.

Allerdings wäre es zu einfach, Purdys Platz 1 deshalb komplett dem Playbook zuzuschreiben. Zum einen haben Nick Mullens, C.J. Beathard oder Trey Lance unter demselben Head Coach und mit teilweise denselben Waffen keine auch nur annähernd vergleichbaren Zahlen über einen längeren Zeitraum produziert. Zum anderen liegt Purdy mit 8,00 auch klar vor Garoppolo, der jahrelang im exakt gleichen Scheme gespielt hat. Das System hebt also offensichtlich den Boden an, auf dem ein Quarterback steht – wie hoch er von dort aus springt, hängt aber weiterhin von Antizipation, Präzision und Entscheidungsfindung ab, und genau dort hat Purdy gegenüber seinen Vorgängern in San Francisco offenbar einen echten Vorsprung. Insgesamt lässt sich daraus wohl ableiten, dass die Frage „System oder Spieler?“ falsch gestellt ist: Die Antwort lautet in diesem Fall ziemlich eindeutig „System und Spieler“.

Fourth Quarter

Was ANY/A nicht misst

So aussagekräftig ANY/A für die Effizienz im Passspiel auch sein mag, so blind ist die Kennzahl für alles, was außerhalb ihrer Formel passiert – und genau das erklärt einige der Rätsel, die die Tabelle auf den ersten Blick aufwirft. Vier blinde Flecken verdienen dabei besondere Aufmerksamkeit.

Das Laufspiel des Quarterbacks. Designed Runs, Scrambles und Quarterback Sneaks fließen überhaupt nicht ein, was mobile Quarterbacks systematisch benachteiligt. Josh Allen steht mit 6,72 nur auf Platz 17, obwohl kaum ein Spieler der Liga so viel Wert mit den Beinen erzeugt – seine zahlreichen Rushing Touchdowns, die im Passspiel eben keine 20-Yard-Boni erzeugen, tauchen hier schlicht nicht auf. Dass Lamar Jackson trotz dieses Nachteils auf Platz 3 steht, spricht im Umkehrschluss eher dafür, dass sein Passspiel lange unterschätzt wurde. Purdy profitiert in diesem Punkt übrigens kaum, denn mit gut 700 Rushing Yards und zwölf Laufscores in seiner Karriere ist er eher ein situativer Scrambler.

Der Spielkontext. ANY/A behandelt einen 8-Yard-Pass bei 3rd & 12 genauso wie einen bei 3rd & 6, unterscheidet nicht zwischen Garbage Time und Two-Minute Drill und ignoriert, ob ein Drive an der eigenen 20 oder nach einem Turnover an der gegnerischen 30 beginnt. Modernere Kennzahlen wie EPA per Play oder CPOE versuchen genau diese Lücke zu schließen, indem sie Down, Distance und Feldposition berücksichtigen. Zudem zählt die Tabelle nur die Regular Season: Purdys ANY/A in den Playoffs liegt bei 6,9 aus acht Spielen und damit spürbar unter seinem Karrierewert, während Tom Bradys Postseason-Vita in seinem Karrierewert von 7,06 gar nicht abgebildet ist.

Die Karrierephase. Ein Karrierewert ist immer auch eine Frage des Zeitpunkts. Peyton Manning schleppt seine letzte, von Verletzungen geprägte Saison 2015 mit, Brady seine Jahre jenseits der 40 und Rodgers spielt mit 42 Jahren immer noch weiter, während Purdy, Love oder Burrow bislang ausschließlich Jahre vor oder im Peak gesammelt haben. Man vergleicht hier also abgeschlossene Lebensläufe mit offenen Kapiteln, was aktive Spieler strukturell bevorzugt – ein Effekt, der sich erst in einigen Jahren wieder ausgleichen dürfte.

Die Zuordnung von Verantwortung. Sacks werden komplett dem Quarterback angelastet, obwohl Offensive Line, Pass Protection Calls und Receiver, die sich nicht freilaufen, mindestens ebenso beteiligt sind. Interceptions nach abgefälschten Bällen zählen genauso wie krasse Fehlwürfe, während Fumbles, die ein Quarterback beim Pass Rush verliert, gar nicht in die Formel eingehen. Purdys 16 Fumbles in der Regular Season (Stand Anfang Oktober) tauchen in seinen 8,00 beispielsweise nicht auf.

Insgesamt zeigt sich, dass ANY/A eine hervorragende, aber eben eng definierte Kennzahl ist: Sie beantwortet sehr präzise die Frage, wie effizient ein Quarterback den Ball geworfen hat – nicht aber, wie wertvoll er insgesamt für sein Team war.

Two-Minute Drill

Die Gegenprobe mit EPA, Success Rate, CPOE, QBR und DVOA

Wenn ANY/A den Spielkontext ignoriert, liegt die naheliegende Frage auf der Hand: Was passiert, wenn man die Rangliste mit einer Kennzahl gegenprüft, die genau diesen Kontext berücksichtigt? Expected Points Added (EPA) bewertet jeden Play danach, wie stark er die erwarteten Punkte des Drives verändert – abhängig von Down, Distance und Feldposition. Ein 8-Yard-Pass bei 3rd & 6 ist damit deutlich mehr wert als derselbe Pass bei 3rd & 12, und auch Scrambles und Designed Runs des Quarterbacks fließen ein. Ergänzend misst die Success Rate den Anteil der Plays mit positivem EPA, während CPOE (Completion Percentage over Expected) angibt, wie viele Prozentpunkte ein Quarterback über der Completion-Quote liegt, die man aufgrund von Passtiefe, Wurfposition und Coverage erwarten würde.

Die Grundlage für diesen Abschnitt bildet ein Export mit 48 Quarterbacks (Stand 20. Oktober 2026), der die Saisons 2020 bis 2026 umfasst, alle Quarterbacks ab 1.000 Plays enthält und – genau wie ANY/A – nur die Regular Season berücksichtigt. Damit der Vergleich mit der ANY/A-Tabelle fair bleibt, werden hier allerdings nur die 39 Quarterbacks betrachtet, die in beiden Listen auftauchen: Jayden Daniels, Drake Maye, Bo Nix, Caleb Williams, Drew Lock, Taylor Heinicke, Kenny Pickett, Davis Mills und Zach Wilson stehen nicht in der ANY/A-Karriereliste, weil sie die Mindestzahl an Passversuchen offenbar noch nicht erreicht haben, und fallen deshalb heraus. Neu gegenüber der ersten Fassung ist Jameis Winston, der im früheren Export noch fehlte. Alle Ränge in diesem Abschnitt beziehen sich auf diese 39 Spieler. Einen Haken hat der Vergleich trotzdem, denn der Export deckt nur die Spielzeiten seit 2020 ab, während ANY/A die gesamte Karriere abbildet – bei Quarterbacks, deren beste Jahre davor lagen, vergleicht man also unterschiedliche Karrierephasen.

Purdy führt bei Wert pro Play und bei Konstanz
Adjusted EPA pro Play gegenüber Success Rate · 39 Quarterbacks · Regular Season 2020–2026 · Punktgröße = Anzahl Plays · Punkt antippen für Details
quarterbacks-2026-10-20.csv (bereitgestellter Export, Stand 20. Oktober 2026; Regular Season 2020–2026), gefiltert auf die 39 Quarterbacks mit Eintrag in der ANY/A-Karriereliste. QBR: nach Dropbacks gewichteter Durchschnitt 2020–2026 laut Excel-Datei QB_Passing_QBR_2016-2026.xlsx (Stand 20. Oktober 2026, inkl. nicht qualifizierter Saisons). DVOA: nach Passversuchen gewichtet 2023–2025, FTN Football Almanac 2026 (32 aktive Quarterbacks).

Das erste und vielleicht wichtigste Ergebnis: Purdy steht auch hier ganz oben, und zwar gleich doppelt. Mit einem Adjusted EPA von 0,279 pro Play liegt er vor Josh Allen (0,248) und Patrick Mahomes (0,231), und mit einer Success Rate von 53,9 % hat er auch den höchsten Wert der 39 Quarterbacks, erneut vor Allen (52,7 %) und Mahomes (52,0 %).

Gerade die Success Rate verdient dabei mindestens so viel Aufmerksamkeit wie CPOE, denn sie misst etwas, das weder ANY/A noch EPA allein abbilden: Konstanz. Während ein hoher EPA-Wert auch durch eine Handvoll Big Plays entstehen kann, zeigt die Success Rate, wie oft die Offense mit ihrem Quarterback im Plan bleibt – also Second & Short statt Second & Long, Third & 3 statt Third & 9. Für ein Scheme wie das von Shanahan, das von planbaren Downs und dem Zusammenspiel aus Outside Zone und Play-Action lebt, ist genau das der entscheidende Wert. Auch statistisch zeigt sich, dass die Success Rate eine eigenständige Perspektive liefert: Innerhalb der 39 Quarterbacks deckt sich die ANY/A-Rangfolge stark mit EPA (Rangkorrelation 0,84), deutlich schwächer mit der Success Rate (0,64) und am wenigsten mit CPOE (0,47).

Als vierte Kennzahl kommt ESPNs Total QBR hinzu, die ebenfalls auf EPA aufbaut, den Wert eines Plays aber stärker dem Quarterback zuordnet – sie berücksichtigt etwa, wie viel eines Raumgewinns auf Yards after Catch entfällt –, um die Stärke der Gegner bereinigt und auf eine Skala von 0 bis 100 umrechnet, auf der 50 dem Ligadurchschnitt entspricht. Da ESPN keinen offiziellen Karrierewert veröffentlicht, wurde für jeden der 39 Quarterbacks ein nach Dropbacks gewichteter Durchschnitt seiner Saisonwerte von 2020 bis 2026 gebildet – inzwischen auf Basis der vollständigen Excel-Übersicht, die auch nicht qualifizierte Spielzeiten enthält. Auch hier steht Purdy mit 71,4 an der Spitze, allerdings nur hauchdünn vor Allen (71,3) und knapp vor Mahomes (70,3): Seine starken 85,8 aus dem Saisonstart 2026 heben den Schnitt, sein Rookie-Jahr 2022 mit 67,5, das nun ebenfalls einfließt, drückt ihn wieder etwas. Der Abstand zu Lamar Jackson auf Rang 4 (65,8) fällt dagegen bereits deutlich größer aus. Erwartungsgemäß deckt sich QBR sehr stark mit EPA (Rangkorrelation 0,92), aber auch spürbar mit der Success Rate (0,83), was die Kennzahl zu einer Art Brücke zwischen Effizienz und Konstanz macht.

Schließlich lässt sich die Rangfolge noch mit DVOA (Defense-adjusted Value Over Average) von FTN gegenprüfen, die jeden Pass mit dem Ligadurchschnitt in exakt derselben Situation vergleicht – also bei gleichem Down, gleicher Distanz und gleicher Feldposition – und das Ergebnis zusätzlich um die Stärke der gegnerischen Defense bereinigt. Ein Wert von +20 % bedeutet demnach, dass ein Quarterback pro Pass 20 % mehr Wert erzeugt hat als ein durchschnittlicher Quarterback in denselben Situationen. Grundlage ist der FTN Football Almanac 2026, der für jeden aktiven Quarterback die Saisons 2023 bis 2025 ausweist; daraus wurde ein nach Passversuchen gewichteter Durchschnitt gebildet. Auch hier liegt Purdy mit +28,9 % vorn, vor Lamar Jackson (+26,6 %), Jared Goff (+24,9 %) und Jordan Love (+22,2 %), während Patrick Mahomes mit +9,4 % nur auf Rang 11 landet – was darauf hindeuten dürfte, dass ein spürbarer Teil seines Werts aus Scrambles und Laufspiel stammt, die DVOA für Pässe nicht erfasst. Für Tom Brady, Jimmy Garoppolo, Ben Roethlisberger, Matt Ryan, Derek Carr und Ryan Tannehill liegen keine Werte vor, weil der Almanac nur aktive Quarterbacks führt, und Teddy Bridgewater fällt mit 15 Pässen heraus, sodass sich der DVOA-Rang auf 32 Quarterbacks bezieht. Innerhalb dieser 32 deckt sich DVOA eng mit EPA (Rangkorrelation 0,84), der Success Rate (0,83) und QBR (0,84).

Noch aufschlussreicher ist allerdings der direkte Vergleich mit Jimmy Garoppolo, weil er die Frage aus dem Third Quarter fast im Laborversuch beantwortet: Beide haben ihre Zahlen weitgehend im selben Scheme, unter demselben Head Coach und mit teilweise denselben Waffen gesammelt. Doch in allen vier Kennzahlen liegt Purdy klar vorn – beim Adjusted EPA mit 0,279 gegenüber 0,173 (Rang 1 gegenüber Rang 9), bei der Success Rate mit 53,9 % gegenüber 50,0 % (Rang 1 gegenüber Rang 10), beim CPOE mit +4,0 gegenüber +0,4 (Rang 2 gegenüber Rang 26) und beim QBR mit 71,4 gegenüber 53,4 (Rang 1 gegenüber Rang 23), wobei bei Garoppolo nun auch das schwache Raiders-Jahr 2023 einfließt – auf seine 49ers-Jahre 2020 bis 2022 beschränkt, käme er auf 57,4. Bemerkenswert ist dabei, dass Garoppolos nominelle Completion Rate mit 68,4 % sogar höher ist als Purdys 66,5 %. Der Unterschied liegt in der Passtiefe, denn Purdy kommt im Schnitt auf 8,0 Air Yards pro Pass, Garoppolo nur auf 7,3: Garoppolo hat also die einfacheren Pässe komplettiert, Purdy die schwierigeren – und hält die Offense dabei trotzdem häufiger im Plan.

Gleichzeitig zeigt der bereinigte Rangvergleich, an welchen Stellen ANY/A die Quarterbacks anders einordnet als EPA und Success Rate – und zwar in beide Richtungen:

  1. Nach oben: Josh Allen springt von Rang 12 bei ANY/A auf Rang 2 bei EPA und bei der Success Rate, weil seine Rushing-Produktion nun mitgezählt wird. Ähnlich, wenn auch weniger extrem, verbessern sich Matthew Stafford (Rang 18 bei ANY/A, Rang 11 bei EPA, Rang 8 bei der Success Rate) und vor allem Ryan Tannehill, der bei ANY/A nur auf Rang 26 steht, bei der Success Rate aber auf Rang 4 landet – das klassische Profil eines Quarterbacks, der seine Offense zuverlässig im Plan hält, ohne viele Big Plays zu produzieren.
  2. Nach unten: Russell Wilson (Rang 11 bei ANY/A, Rang 25 bei EPA, Rang 33 bei der Success Rate), Ben Roethlisberger (15, 26, 35), Matt Ryan (16, 27, 23) und auch Aaron Rodgers (4, 13, 18) fallen deutlich zurück. Hier dürfte vor allem der Zeitraum durchschlagen, denn ihre Karrierewerte enthalten die besten Jahre vor 2020, der Export dagegen hauptsächlich die späte Karrierephase.
  3. Explosiv statt konstant: Jordan Love steht bei EPA auf Rang 4, bei der Success Rate aber nur auf Rang 16. Sein Wert entsteht also stärker aus großen Raumgewinnen als aus konstantem Vorankommen, was ihn deutlich von Purdy unterscheidet, der beides vereint.

Wie sähe eine Gesamtbewertung aus, die nicht nur Ränge vergleicht? Ein reiner Rangdurchschnitt hat zwei Schwächen: Er wirft die Abstände weg – ein hauchdünner Vorsprung zählt genauso viel wie ein riesiger – und er zählt dasselbe mehrfach, denn EPA, QBR und DVOA messen im Kern alle den Wert pro Play (Rangkorrelationen zwischen 0,84 und 0,92). Für den Gesamtindex wurde deshalb jede Kennzahl zunächst in Standardabweichungen über oder unter dem Schnitt der 39 Quarterbacks umgerechnet (Z-Score) und anschließend zu drei gleich gewichteten Säulen zusammengefasst:

  1. Wert: Mittel aus den Z-Scores von EPA, QBR und DVOA (ohne DVOA-Wert aus EPA und QBR).
  2. Konstanz: Z-Score der Success Rate.
  3. Präzision: Z-Score von CPOE.

Der Gesamtindex ist der Durchschnitt dieser drei Säulen; ein Wert von +1,0 bedeutet also, dass ein Quarterback im Mittel eine Standardabweichung über dem Feld liegt. Mit den Reglern lässt sich die Gewichtung der Säulen verschieben, und zum Vergleich kann man auf den alten Rangdurchschnitt umschalten.

Gesamtindex nach Säulen: Wert, Konstanz und Präzision
Gesamtindex = gewichtetes Mittel aus drei Z-Score-Säulen · Balkenteile = Beitrag jeder Säule · Top 12 plus Garoppolo
Eigene Berechnung aus EPA, Success Rate und CPOE (bereitgestellter Export), QBR (bereitgestellte Datei) und DVOA (FTN Football Almanac 2026). Z-Scores relativ zu Mittelwert und Standardabweichung der 39 Quarterbacks, bei DVOA der 32 mit Wert. Im Rangdurchschnitt bildet jede Säule das Mittel ihrer Ränge.

An der Spitze ändert die neue Methode wenig, macht die Abstände aber erstmals sichtbar: Purdy liegt mit +2,05 klar vor Allen (+1,64), Mahomes (+1,28) und Burrow (+1,26) und erreicht in den Säulen Wert (+2,07) und Konstanz (+2,41) jeweils mehr als zwei Standardabweichungen – kein anderer Quarterback schafft das in auch nur einer der beiden Säulen. Bei der Präzision liegt nur Burrow (+1,90) vor ihm, Geno Smith zieht mit ihm gleich (beide +1,68). Weiter hinten verschiebt sich dagegen einiges, weil CPOE ein volles Drittel des Index ausmacht: Burrow springt auf Rang 4, Ryan Tannehill und Teddy Bridgewater landen in den Top 9, während Jordan Love, der seinen Wert vor allem über große Raumgewinne erzielt, auf Rang 12 zurückfällt. Garoppolo kommt mit +0,25 auf Rang 17: Seine Konstanz (+0,85) ist ordentlich, doch der leicht unterdurchschnittliche CPOE (−0,37) und der durch das Raiders-Jahr gesunkene QBR ziehen ihn nach unten.

Rangvergleich im Detail
39 Quarterbacks in beiden Listen · Ränge jeweils innerhalb dieser 39 · Index folgt Methode und Gewichtung oben · Spaltenkopf antippen zum Sortieren
ANY/A: Karrierewerte laut Pro Football Reference (Excel-Export), Stand 20. Oktober 2026; Adj. EPA/Play, Success Rate und CPOE: bereitgestellter Export vom 20. Oktober 2026 (Saisons 2020–2026, nur Regular Season, ab 1.000 Plays). QBR: nach Dropbacks gewichteter Durchschnitt aller Saisonwerte 2020–2026 laut Excel-Datei, einschließlich nicht qualifizierter Saisons (bei Garoppolo also inklusive des Raiders-Jahres 2023). DVOA: nach Passversuchen gewichteter Durchschnitt 2023–2025 laut FTN Football Almanac 2026, nur aktive Quarterbacks mit mindestens 200 Pässen (Rang unter 32). Index: Z-Score-Gesamtindex aus Wert, Konstanz und Präzision oder, bei Umschaltung, gewichteter Rangdurchschnitt der drei Säulen.

Insgesamt bestätigt die Gegenprobe damit, was die Ära-Bereinigung bereits angedeutet hat: Purdys Effizienz ist keine Laune einer einzelnen Formel, sondern taucht in jeder Metrik auf, die man an sie anlegt – und der Vergleich mit Garoppolo liefert das wohl stärkste Argument gegen die These vom reinen System-Quarterback.

Overtime

Kritische Einordnung und Fazit

Was bleibt also von dieser Tabelle, wenn man sie einmal von allen Seiten beleuchtet hat? Zunächst die Erkenntnis, dass sie eine sehr spezifische Frage beantwortet – nämlich wer bislang pro Dropback am meisten Wert im Passspiel erzeugt hat – und dass man sie gerade deshalb nicht mit der Frage verwechseln sollte, wer der beste Quarterback aller Zeiten ist. Eine Liste, in der Tony Romo vor Joe Montana und Jimmy Garoppolo vor Steve Young steht, ist kein Ranking von Karrieren, sondern ein Effizienzspiegel ihrer jeweiligen Ära, ihres Systems und ihres Karrierezeitpunkts.

Für Brock Purdy fällt das Urteil dennoch bemerkenswert positiv aus. Die drei naheliegendsten Einwände – moderne Passing-Inflation, ein kleines Sample und das Shanahan-System – erklären zwar, warum die 8,00 so hoch ausfällt, aber keiner von ihnen erklärt seinen Vorsprung vollständig weg. Selbst ära-bereinigt liegt er vorn, selbst ohne seine beiden besten Saisons läge er noch vor Peyton Manning, und selbst im exakt gleichen Scheme hat bislang niemand in San Francisco auch nur annähernd so effizient gespielt.

Die Gegenprobe mit EPA, Success Rate, QBR und DVOA bestätigt dieses Bild zusätzlich, denn auch dort steht Purdy unter den Quarterbacks der Gegenwart an der Spitze – und im direkten Vergleich mit Garoppolo wird deutlich, dass er im selben Scheme schwierigere Pässe präziser an den Mann bringt.

Allerdings sollte man auch die Gegenrechnung ehrlich aufmachen: Die Stichprobe ist so klein, dass die Spitzenposition für einen Quarterback mit gerade einmal 54 Regular-Season-Spielen eher eine Momentaufnahme als ein Vermächtnis darstellt. Seine Playoff-Zahlen liegen deutlich unter seinem Regular-Season-Niveau, sein Laufspiel und seine Fumbles tauchen in der Kennzahl gar nicht auf, und die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor – nämlich die Frage, ob er dieses Niveau auch dann hält, wenn Kittle, McCaffrey und Co. altersbedingt ihren Höhepunkt überschritten haben und Shanahans Offense sich ein weiteres Mal neu erfinden muss.

Insgesamt dürfte man festhalten, dass Purdys Platz 1 weniger eine historische Einordnung als ein Zwischenstand ist – allerdings ein Zwischenstand, der die Diskussion um den „System-Quarterback“ endgültig auf eine neue Grundlage stellt. Wer nach dreieinhalb Jahren als Starter in jeder Saison mindestens einen Yard über dem Ligaschnitt liegt, ist kein Produkt des Zufalls. Ob am Ende der Karriere tatsächlich eine 8 vor dem Komma steht – mit exakt 8,00 hängt sie schon jetzt am seidenen Faden –, werden erst die kommenden Jahre zeigen – die Chancen, dass er dauerhaft in den Top 5 dieser Liste bleibt, stehen aber wohl ziemlich gut.

Ich hoffe, diese Analyse hilft dabei, die nächste Diskussion im Freundeskreis oder in den Kommentarspalten mit ein paar Argumenten mehr zu führen – egal, auf welcher Seite man steht.

Go Niners!

Chris Pracher

Box Score

Quellen

Ära-Vergleich: eigene Berechnung aus den Liga-Gesamtwerten von Pro Football Reference, gewichtet nach den Dropbacks jeder Saison. Saison- und Szenariowerte für Purdy: eigene Berechnung nach der ANY/A-Formel.